BERND SPIER

* 6.4.1944 in Mecklenburg,
lebt heute bei Offenbach.

Mit 15 eigene Band mit zwei Schulfreunden, mit 18 erste Schallplatte. Schrieb einige Texte und komponierte für sich und andere. Bis 1971 4 LPs und etwa 20 Singles.

Bekannte Titel: "Das kannst du mir nicht verbieten", "Pretty Belinda", "Klopf dreimal", "Memphis Tennessee". Etwa 280 Fanclubs. Produzent: Gerd Schmidt.
 

1964 war in Sachen deutsche Hitparade ein Jahr des Umbruchs: Bis dahin waren die Spitzenplätze der Bestsellerlisten fast ausschließlich deutschsprachigen Schlagergrößen vorbehalten. Doch mit dem Aufkommen der Beatles sollte das mit einem Male anders werden: "A hard days night", "I want to hold your hand", "She loves you", "I should have known better" und "Twist and Shout" - gleich fünf Titel der Beatles zählten zu den großen Hits des Jahres. Und es blieben nicht die Beatles alleine.

"Millie" aus Jamaika mit ihrem fetzigen "My Boy Lollipop", Roy Orbison mit "Pretty Woman" oder Manfred Mann mit "Do Wah Diddy Diddy" - sie alle zählten zu den Newcomern des Jahres. Die starke Beat-Präsenz stellte den Plattenmarkt in Deutschland auf den Kopf. Fast alle großen Stars der letzten Jahre standen 1964 mit einem Mal vor dem "Aus", die Beatles sowie all die anderen Beat-Stars hatten ihnen schlicht und einfach die Schau gestohlen. Die sicheren Hitlieferanten, die noch im Vorjahr triumphale Erfolge gefeiert hatten, sie waren mit einem Mal weg vom Fenster.

Connie Francis, Peter Kraus, Caterina Valente, die Blue Diamonds, Gerd Böttcher, Mina, Bill Ramsey, Gus Backus, für sie alle brachen schwere Zeiten an und sie konnten sich seither nie wieder vorne in den Charts plazieren. Deutschlands Plattenindustrie war in allerhöchster Alarmbereitschaft. Die musikalische Invasion aus Großbritannien belebte den Markt deutlich, allerdings wanderten nun in ungleich stärkerem Maße als bislang Tantiemen ins Ausland, einheimische Produzenten, Komponisten und Texter liefen Gefahr, arbeitslos zu werden. Recht spät, aber immerhin, entsannen sie sich des Konzepts, mit dem sie schon einmal in den Fünfzigern so erfolgreich die Geldquellen der Teens und jungen Twens angezapft hatten. Der Teenager-Schlager, mit dem damals Conny und Peter Kraus groß herausgekommen waren und der nach Abebben des Rock'n Roll sang- und klanglos wieder verschwand, erlebte seine Renaissance: Um den Markt der jugendlichen Käuferschichten nicht völlig zu verlieren, wurden endlich wieder Lieder veröffentlicht, die nicht mehr wie "Junge komm bald wieder" oder "Weiße Rosen aus Athen" ausschließlich von Heimweh und fernen Ländern erzählten und deren Helden nicht mehr wie all die Jahre zuvor Cowboys und einsam zurückgelassene Seemannsbräute aus Athen und aus Piräus waren. Die neuen Songs erzählten von Menschen, die so waren wie die, die sie kaufen sollten: Junge Leute mit den Sorgen, Problemen und vor allem Liebesfreuden und -nöten des durchschnittlichen Heranwachsenden in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder Lüneburg. Neue Namen machten von sich reden, allen voran Drafi Deutscher, Manuela und Bernd Spier.

Bernd war der Sohn des Dirigenten Bobby Spier vom Hessischen Rundfunk. Bevor er sich der Musik widmete, baute er brav sein Abitur, denn Papa wollte es so. Dank der väterlichen Beziehungen wurde er zum Dauergast in der populären Sendung "der Frankfurter Wecker" des Hessischen Rundfunks. Hier schließlich wurde die in Frankfurt ansässige CBS auf ihn aufmerksam. Bernd verfügte über eine glockenklare, durch und durch adrette und zugleich sympathische Stimme. Seine Domäne waren wenig agressive, betont melodische Lieder.

Seine erste Platte ("Heut bei mir") blieb zwar zunächst noch weitgehend unbekannt, doch schon die zweite Single wurde ein Renner: "Das kannst Du mir nicht verbieten" war einer der großen Hits des Jahres 1964, ganze 22 Wochen hielt sich der Titel unter den ersten 10 der Charts. Ein Song, der so richtig dem Alltag seiner Hörer entsprang:

Wenn Du willst, verbrenn' das Bild von mir,
wenn Du willst, das letzte Souvenir.
Wenn Du willst, dann tu, was Dir gefällt,
doch eines kannst Du nicht auf dieser Welt:
Das kannst Du mir nicht verbieten,
Dich zu lieben alle Zeit, ganz genau so wie heut'...

1,4 Millionen Exemplare dieses Songs fanden damals den Weg zu ihren Käufern. Bernds Nachfolgesingle hieß "Schöne Mädchen muß man lieben", ein "Nachzieher", der dem erfolgreichen "Das kannst du mir nicht verbieten" Ton für Ton nachempfunden war. Der Erfolg hielt sich dieses Mal jedoch in Grenzen, es reichte nur bis Platz 7. Umso größerer Beliebtheit erfreute sich dann aber die nächste Scheibe: "Memphis Tennessee" teilte sich mit der amerikanischen Originalversion von Johnny Rivers über Wochen Platz 1 der deutschen Hitlisten, wobei die deutsche Fassung das Original an Beliebtheit weit übertraf, was zu jener Zeit eine Menge zu sagen hatte. Bernds zarte Stimme kontrastierte in diesem Song außerordentlich reizvoll mit dem akzentuierten Rhythmus und machte diesen Titel gemeinsam mit der B-Seite "Ohne ein bestimmtes Ziel", der deutschen Version von Chuck Berrys "No particular place to go" zum Höhepunkt seiner Sängerkarriere.

Noch einen weiteren ausgemachten Volltreffer landete er 1965: Nach seinem Beat-Ausflug mit "Memphis Tennessee" setzte er dieses Mal auf ganz weiche Töne und lieferte mit seinem Nr.1-Song "Das war mein schönster Tanz mit dir" das perfekte Kontrastprogramm:

"Leise gehn im Saal die Lichter aus,
Hand in Hand geht jedes Paar hinaus",

so beginnt jenes garantiert unverderbliche Liedchen und wirft bereits mit diesen einleitenden Worten die Frage auf, was für Lichter das wohl gewesen sein müssen, die da "leise" ausgingen. Wollte der Dichter dieser Zeilen den Hörer in die stromlose Zeit der Großeltern mit ihren geräuschvoll zischenden Karbidlampen entführen? Der Song entwarf auf jeden Fall ein Bild von jungen Menschen, die sich nicht wildem Beat-Gehopse hingeben, sondern sich stilvoll und gesittet im Arm vis á vis liegen und nach Einbruch den Dunkelheit folgsam zurück unter die elterlichen Fittiche kehren:

"Doch mußt Du um zehn zu Hause sein,
noch läßt Dich die Mutti nicht allein.
Doch sie weiß nur eines nicht von mir:
Heute war mein schönster Tanz mit mir."

Es muß unter Deutschlands Jugendlichen etliche gegeben haben, die sich offensichtlich nach einer wie immer gearteten guten alten Zeit zurücksehnten. Anders ist es kaum zu erklären, daß Bernd Spier mit diesem Titel einen der wenigen wirklich erfolgreichen deutschen Schlager des Jahres 1965 landete.

So schnell Bernd Spier die Charts erobert hatte, so schnell verschwand er leider auch wieder. Dreimal feierte er noch Anerkennungserfolge: "Einmal geht der Vorhang zu" konnte 1965 auf Platz 15 landen, "Und dann" auf Platz 13 und "Der neue Tag beginnt" 1966 schließlich auf Platz 17. Sämtliche Folgeplatten plazierten sich nur noch unter "ferner liefen", lediglich 1969 gelang Bernd noch einmal ein kurzfristiges Comeback mit einer deutschen Version des Chris Andrews-Hits "Pretty Belinda" (Platz 22).

Bernd Spiers Singles jener Jahre gibt es auf Plattenbörsen heute zum Preis von etwa 10 bis 20 DM, lediglich "Memphis Tennessee" kommt wegen der außerordentlich schönen Hülle ein paar Mark teuerer (ca. 30 DM). Seine allererste Scheibe "Heut bei mir" ist hingegen aufgrund ihrer extrem geringen Verkaufszahlen kaum zu erstehen und folglich wird sie, wenn überhaupt, nur zum Liebhaberpreis angeboten. Ebenso verhält es sich mit Bernds einziger in den frühen Sechzigern veröffentlichter LP "Danke schön". Wie fast alle seinerzeit mit 22 DM unverschämt teuren 30 cm Scheiben ist sie unter 100 DM kaum zu ergattern. Schade, denn die Platte enthält viele sehr gelungene Cover-Versionen von Hits wie Freddys "Heimweh", Bert Kaempferts "Danke schön" oder Peter Alexanders "Wenn erst der Abend kommt".

Doch dankenswerterweise finden sich eine Reihe dieser Aufnahmen auf einer CD-Wiederveröffentlichung: Der Silberling "Ohne ein bestimmtes Ziel" (Bear Family BCD 15591 AH) versammelt sämtliche Bernd Spier - Singles aus den Jahren 1963 ("Heut bei mir") bis 1971 ("Klopf dreimal") und bietet darüber hinaus neben Ausschnitten aus der LP "Danke schön" auch noch mehrere englischsprachige Aufnahmen, Bernds Duette mit seinem Bruder Uwe Spier sowie ein 16-seitiges Booklet mit der kompletten Discographie 1963-1971. Und als Cover-Foto der CD suchte die Plattenfirma dankenswerterweise eine der schönsten und daher auch begehrtesten Bernd Spier - Plattenhüllen, nämlich die von "Memphis Tennessee"' aus. Prädikat: Uneingeschränkt zu empfehlen.
 


A) Memphis Tennessee
B) Ohne ein bestimmtes Ziel
CBS 1618 (1964)

A) Das war mein schönster Tanz
B) Was ich an dir am meisten liebe
CBS 1639 (1965)

A) Einmal geht der Vorhang zu
B) Ich bin nicht Schuld daran
CBS 1878 (1965)

A) Und dann (And Then)
B) Hey, Mr. Postman
CBS 2119 (1966)

A) Ein and'rer Name
B) Du bist für mich geboren (Born A Woman)
CBS 2533 (1967)

A) San Francisco Here I Come
B) Two Strangers Now
CBS 2899 (1967)

A) Pretty Belinda
B) Es ist so schön auf dieser Welt
CBS 4156 (1969)

A) Bienen und Blumen
B) Skoobidoo
CBS 4692 (1970)

A) Ich bin kein Rosenkavalier
B) Tambourine Girl
CBS 5021 (1970)

A) Klopf 3 x (Knock Three Times)
B) Meine Liebe ist nur für dich da
CBS 5300 (1970)

A) Laß' dein little Girl nie weinen
B) Rosalina
CBS 7495 (1971)


 

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